Gespräch mit… Ansgar Oberholz

imac_gr_headerDas St. Oberholz, vor genau 8 Jahren von Ansgar Oberholz und seiner Ehefrau Koulla Louca gegründet, entwickelte sich schnell zum Treffpunkt der sogenannten „Digitalen Bohème“. Sogar das Wall Street Magazine berichtete schon über „Berlins silicon crossroad“.

Und so hat auch an diesem Tag jeder zweite Gast ein MacBook vor sich stehen und dennoch (oder gerade deshalb) wird eifrig kommuniziert. Als wir ankommen sind auf beiden Stockwerken alle Sitzplätze besetzt und deshalb schlägt Ansgar vor in sein kleines Büro zu gehen. Wir gehen also über die Küche mit komplett verglaster Wand zur Torstraße, wo das hektische Treiben seinen normalen Gang nimmt, eine schmale Treppe in den Keller und landen schließlich hinter einem Vorhang im improvisierten Büro.

Ansgar_Oberholz-c_OliverWolff

Markenessen:

Du warst einer der ersten Gastronomen in Berlin, der seinen Gästen WIFI und                 Stromversorgung zur Verfügung stellte – Wie entstand die Idee dazu?

Ansgar:

Es war eigentlich schon lang mein Wunsch mit 40 Jahren mein eigenes Restaurant oder Café zu machen –  Diese Möglichkeit hatte ich dann schon früher. Mein Antrieb war allerdings immer etwas Neues, etwas was es noch nicht gibt, zu machen. Als wir, meine Frau und ich, dann dieses Haus hier sahen und uns mit der Geschichte beschäftigten war sofort klar wohin es gehen soll. Das Gebäude war ja vor gut 100 Jahren im Besitz der Aschingers (Eine bedeutende Gastronomie- und Hotelleriefamilie, Anm. d. Red.) und bei denen gab es zum Essen immer kostenlos Brot, soviel man wollte, dazu. Daher hat sich das Ganze damals vermutlich auch zu so einem Treffpunkt entwickelt.

Markenessen:

Bei euch gibt es jetzt also kostenlos Internet so viel man möchte dazu…

Ansgar:

Genau! Aber das sehen wir gar nicht mal als unser Alleinstellungsmerkmal. Sondern wir wollten diesen Gedanken des gesellschaftlichen Ortes in die heutige Zeit übersetzen und daraus ist dann das Konzept des Arbeitens und gemeinsam Nachdenkens entstanden. Diese Atmosphäre, dass man sich wirklich mit seinem Computer hinsetzen und ohne sich komisch vorzukommen arbeiten kann ist das wirklich besondere. Was ihr angesprochen habt mit Internet und Strom waren dann eben die nötigen Bausteine.

Markenessen:

Nun warst du ja ein Pionier am Rosenthaler Platz und in deinem Buch „Für hier oder zum Mitnehmen“ kann man nachlesen wir schwer die Anfänge hier waren. Wie siehst du die Entwicklungen in Berlin-Mitte?

Ansgar:

Ja, richtig. Als ich hier ankam war das eine andere Welt. Das Haus gegenüber, wo jetzt das Circus Hotel drin ist, hatte keine Fenster und viele andere Häuser außenrum standen auch leer. In den ersten drei Monaten kamen wirklich extrem wenig Gäste und wir saßen dann immer oben und haben aus dem Fenster geschaut – Da waren auch schon viele Leute unterwegs aber man hatte das Gefühl, dass die alle so schnell wie möglich wieder weg wollten. Der Rosenthaler Platz war damals halt genauso laut wie jetzt aber einfach nur trist und grau. Da haben die Leute gar nicht rechts und links geschaut – Bis wir dann das Café von außen freundlichen und einladender gestaltet haben… Und natürlich hat sich Berlin und vor allem Mitte seither extrem verändert. Ich sehe das allerdings eher als etwas positives, weil sich Berlin schon immer verändert hat und genau das das spannende ist. Ich glaub ich würde mich langweilen, wenn irgendwann alles gleich bliebe. Und so wie in München wird es bestimmt nie werden (grinst). Ich finde es auch kleingeistig, wenn man sich über die natürlich manchmal nervigen Touristen beschwert, denn die gehören zu einer Metropole wie Berlin einfach dazu. Außerdem glaube ich daran, dass solang wir hier drin sind kein Mcdonalds oder Starbucks in das Gebäude einzieht.

Markenessen:

Was hat dich denn in der schwierigen Anfangsphase immer wieder motiviert weiterzumachen? Hast du vielleicht nützliche Tipps für angehende Gastronomen?

Ansgar:

Am Anfang kamen wirklich einige Leute, die mir meine Idee ausreden wollten und meinten, dass das nicht funktionieren könne. Das sind die selben Leute, die mir jetzt auf die Schulter klopfen und sagen, dass es doch klar gewesen wäre, dass es hier ein Erfolg wird. Über die kann ich mittlerweile aber lachen.Das ist meiner Meinung nach auch das wichtigste, dass man hartnäckig bei seinem Konzept bleibt. Denn, wenn man anfängt zu zweifeln und wilde Änderungen vornimmt ist das der Anfang vom Ende. Am besten hängt man es sich also an die Wand vor dem Schreibtisch, dass man es immer vor sich hat. Und man sollte auf Qualität achten, egal was man kauft. Klingt vielleicht komisch aber das fängt schon bei Küchengeräten an – Wenn dir die nämlich zu schnell kaputt gehen hast du unnötigen Stress und Mehrkosten.

Markenessen:

Als wir gerade durch die Küche gegangen sind konnten wir uns selbst davon überzeugen, dass dort wirklich geschnitten, gekocht und gebacken wird und die Leute können von der Torstraße zuschauen.
Wie hat sich euer Essensangebot denn entwickelt und was siehst du als die wichtigsten kulinarischen Trends dieses Jahr?

Ansgar:

Also für das Gastronomische ist eher meine Frau zuständig, da sie auch schon länger ein kleines Café am Helmholtzplatz betreibt. Das war eigentlich das Vorbild für das jetzige Oberholz mit kleinen, schnellen Speisen, die davor sorgfältig zubereitet werden. Wir verbinden ja im Prinzip regionale Küche mit indischen, französischen und italienischen Einflüssen und entwickeln das mit unserem internationalen Team immer weiter – Auch was die Getränke angeht. Außerdem sind wirklich alle unsere Suppen, Sandwiches und Salate selbst gemacht und bei Milch und Eier-Produkten verwenden wir auschließlich Bio. Wir machen das schon lange aber ich denke, dass langsam mehr Gastronomen so handeln, weil die Gesellschaft das verlangt. Für uns ist aktuell vegetarisches Essen noch ein großes Thema. Wir versuchen immer weniger Gerichte mit Fleisch und Fisch anzubieten und adäquaten Ersatz zu finden – So haben wir zum Beispiel nur noch Chilli con Soya anstatt Chilli con Carne und das schmeckt mindestens genauso gut. Außerdem haben wir auch spezielle vegane Kuchen, die wir uns als einziges liefern lassen.
Allgemein lassen wir uns aber weniger von irgendwelchen Trends beeinflussen sondern entscheiden meistens nach unserer eigenen Überzeugung und ich denke, dass das wichtig ist damit man ehrlich und authentisch wirkt.

Markenessen:

Jetzt haben wir uns viel mit der Oberholz-Erfolgsgeschichte beschäftigt. Man kann das Ganze mit Café, Co-Working und den Apartments ja wirklich als Gesamtkunstwerk betrachten. Ist dieses Bild schon fertig oder weißt du schon wohin es noch gehen soll?

Ansgar:

Irgendwie entwickeln wir uns ständig weiter. Was das St.Oberholz Kernhaus betrifft haben wir immer versucht das Ganze organisch und authentisch anzugehen. Zu Beginn war ja nur das Café. Mit den Apartments haben wir dann wieder versucht das Haus zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückzuführen, weil die Aschingers hier auch schon Zimmer vermieteten und natürlich wollten wir das gestiegene Touristenaufkommen am Rosenthaler Platz bedienen. Das Co-Working war dann die logische Weiterentwicklung dessen, was im Café passiert und das hat natürlich auch perfekt in die entstehende Start-Up-Landschaft gepasst, die temporäre und günstige Arbeitsplätze braucht. Aktuell beteiligen wir uns an einem Projekt ein paar Straßen weiter, wo in einem Altbau ein neuer Bürokomplex entsteht.
Dort werden wir das Foyer mit einer Espresso-Bar im St.Oberholz-Stil bespielen, weil wir da auch unsere Kernidentität sehen.

Markenessen:

Denkst du auch über eine Expansion innerhalb Berlins oder gar Franchising nach?

Ansgar:

Natürlich wäre das finanziell interessant und wir hatten ernsthaft schon Anfragen von Schöneberg bis nach New York. Allerdings halte ich sehr wenig davon, da unsere Identität und der Erfolg sehr stark mit diesem Haus verbunden ist. Diese großen Räume mit der einmaligen Atmosphäre des Altbau und der zentralen Lage findet man nur sehr schwer – Und schon gar nicht in Städten wie New York, vor allem zu keinem bezahlbaren Preis. Wenn man zum Beispiel Gästen das erste Mal ihr Apartment zeigt können sie es gar nicht glauben und sind richtig überwältigt, weil das wirklich etwas besonderes ist. Ich sehe das St.Oberholz auch nicht als ein unbedingt übertragbares Geschäftsmodell sondern eher als ein Projekt das perfekt seinen Ort und seine Zeit gefunden hat
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Wer noch mehr über die spannende Entstehungsgeschichte erfahren will, der sollte unbedingt Ansgar Oberholz‘ Roman lesen – Vollgepackt mit vielen lustigen Anekdoten und noch mehr hilfreichen Tipps zur Existenzgründung.

Das Gespräch führten Aike Fiedler und Jonas Meßing.

Autor: Jonas Meßing

Die Bilder wurden netterweise von Ansgar Oberholz zur Verfügung gestellt.

„Für hier oder zum Mitnehmen? St. Oberholz – Der Roman“, erschienen bei Ullstein extra
ISBN: 978-3864930096

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Ein Kommentar zu “Gespräch mit… Ansgar Oberholz

  1. Apple Pie 30. Januar 2013 um 13:52 Reply

    Super Interview! Ich bin begeistert welche inspirierenden Interviewpartner ihr für euch begeistern konntet. Glückwunsch 🙂

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